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Umpf, Umpf, Umpf: das Verschwinden der Polyrhythmik, der Sieg des Beats
Umpf, Umpf, Umpf: das Verschwinden der #Polyrhythmik, der Sieg des Beats
- Warum unsere #Musik immer eindimensionaler wird
#Gütersloh, 29. November 2025
Polyrhythmik ist die hohe Kunst der Gleichzeitigkeit. Das Prinzip, dass 2 oder mehr rhythmische Schichten unabhängig voneinander laufen – und doch miteinander verschmelzen. In vielen Kulturen war sie Ausdruck von #Komplexität, #Raffinement, geistiger #Durchlässigkeit. In der westlichen Musikgeschichte reichte ihr Einfluss von barocker Verzahnung über die romantische Beschleunigung bis zur rhythmischen Explosion der Moderne.
Und heute? Heute hängt alles am »#Beat«. Einer. Singular. Unverrückbar.
Von der #Tribalisierung zur #Kultivierung
Es ist eine #Ironie der #Musikgeschichte: Was wir heute als »tribal« bezeichnen, war einst differenzierter als vieles, was die Charts hervorbringen. Zwar gibt es archaische, monorhythmische #Trommelkulturen – das stereotype »Getrommel« – aber ebenso #afrikanische, #afro #kubanische oder #indische Traditionen, in denen Polyrhythmik bis zur #Mathematik gesteigert wurde.
In der europäischen #Klassik erlebte sie ihre Hochzeit: #Beethoven, #Brahms, später die #Moderne, #Stravinsky, #Bartók, #Messiaen, #Ligeti – überall Schichtungen, Interferenzen, Überlagerungen. Polyrhythmik war ein ästhetisches Statement: der Wille, Komplexität auszuhalten.
#Jazz als #Labor, #Rock als Ingenieurskunst
Im Jazz wurde Polyrhythmik nicht nur virtuos, sondern nahezu akademisch. Schlagzeuger wie Elvin #Jones, Tony #Williams oder Jack #DeJohnette spielten mit Zeit wie mit Gummi. Pianisten wie #Herbie #Hancock oder Keith #Jarrett bauten rhythmische Gegenwelten in Echtzeit.
Der #Rock übernahm später diese Fähigkeit: Eddie #Van #Halen mit seinen gegenläufigen Akzenten, Prog Bands wie »#Rush« oder »Dream Theater«, die Takte falten, brechen, überkreuzen. Rhythmus war nicht Unterbau, sondern Ausdruck von Intelligenz – etwas, das man hörte, spürte, mitdenken konnte.
#Elektronik: die große Verengung
Dann kam die digitale Revolution. Mit ihr die Rasterung. Der Grid. Das Dogma der 4/4. #Hip #Hop, #Techno, #EDM – alles hing plötzlich am einen Beat. Die #Bassdrum als Totem.
Algorithmische Perfektion ersetzte organische Interferenz. Polyrhythmik, einst ein vitales Element populärer Musik, verschwand in Nischen: bei »Aphex Twin«, »Squarepusher«, einigen #Avantgarde Projekten. Aber im Mainstream und auch im #Schlager? #Monotonie. Die rhythmische Breite wurde auf die »Drop« Logik reduziert. Das zeitgenössische Ohr wurde konditioniert, Komplexität als Störung zu empfinden.
Warum passiert das?
3 Gründe bieten sich an …
1. #Ökonomisierung der #Aufmerksamkeit
#Komplexität braucht Zeit. Polyrhythmik fordert Aufmerksamkeit. Das heutige Musiksystem bestraft alles, was nicht sofort funktioniert. Der Beat muss sofort »greifen« – sonst swipen die Hörer weiter.
2. Die Macht der Produktionswerkzeuge
#Software vereinfacht #Rhythmen – und erschwert Abweichungen. Ohne bewusste Entscheidung entsteht ein musikalisches Gleichmaß, das fast zwangsläufig monorhythmisch ist.
3. Soziale #Synchronisation
Musik ist heute stark gemeinschaftsorientiert: #Clubs, #Festivals, »#TikTok« Tänze. #Synchronität ist wichtiger als Differenz. Der Beat ist das soziale Metronom.
Das kulturelle Problem
Das Verschwinden der Polyrhythmik ist mehr als ein musiktheoretisches Detail. Es ist ein Kulturphänomen. Polyrhythmik steht für Ambivalenz, Mehrdeutigkeit, für die Fähigkeit, zwei Dinge gleichzeitig zu denken – und auszuhalten. Ihr Niedergang korrespondiert mit einer Gesellschaft, die Vereinfachung sucht. Der Beat wird zum Symbol der Monokultur. Alles muss auf Linie sein.
Wo die Polyrhythmik verschwindet, verschwindet auch die Idee der Vielstimmigkeit.
Ausblick
Natürlich gibt es Gegenbewegungen. In der #Avantgarde, im #Post #Genre #Pop, im experimentellen #Metal. Vielleicht wird irgendwann wiederentdeckt, was verloren ging: dass Rhythmus nicht nur antreibt, sondern auch befragt werden kann. Und dass #Komplexität kein Feind der #Euphorie ist.
Bis dahin aber bleibt der Befund: Die Welt ist voll von #Beats – und arm an #Rhythmen.
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